Süßstoffe in der Schwangerschaft: Was erlaubt ist und was die Studien zeigen

Veröffentlicht am: Juli 25, 2026

In einer prospektiven Kohortenstudie mit 3.033 Mutter-Kind-Paaren (Azad et al. 2016, n=3.033) wiesen Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft täglich künstlich gesüßte Getränke tranken, im Alter von einem Jahr einen doppelt so hohen BMI-Z-Score auf wie Kinder aus Vergleichsgruppen. Veröffentlicht im JAMA Pediatrics, blieb der Effekt auch nach Korrektur für mütterliches Gewicht und Kaloriengesamtaufnahme bestehen. Das ist bemerkenswert, weil die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) alle in der EU zugelassenen Süßstoffe bei Einhaltung der akzeptablen täglichen Dosis (ADI) als sicher für Schwangere einstuft. Die meisten Ratgeber nennen nur die ADI-Werte und übersehen, dass sichere Zulassung nicht automatisch bedeutet, dass regelmäßiger Konsum sinnvoll ist.

Was die EFSA-Daten wirklich zeigen

Die EFSA hat zwischen 2011 und 2013 alle in der EU zugelassenen Süßungsmittel neu bewertet. Für jeden Stoff wurde ein akzeptabler täglicher Aufnahmewert pro Kilogramm Körpergewicht festgelegt, der auch für Schwangere gilt. Diese Werte enthalten einen Sicherheitsfaktor von 100. Bei Aspartam bestätigte die EFSA (2013) die ADI von 40 mg pro kg Körpergewicht als sicher, ausdrücklich auch für Schwangere.

Wichtig zu verstehen: Sichere Zulassung heißt, dass kein direkter Schaden für den Fötus bei üblicher Aufnahme nachgewiesen wurde. Sie heißt nicht, dass Süßstoffe nutzen. Studien der letzten Jahre deuten auf Effekte hin, die außerhalb der klassischen Toxikologie liegen: Veränderungen des Darm-Mikrobioms (die Gesamtheit der Bakterien im Darm) und mögliche Prägungseffekte auf den kindlichen Stoffwechsel.

EFSA-Position: Alle zugelassenen Süßstoffe sind bei Einhaltung der ADI sicher, auch in der Schwangerschaft
Sicher bedeutet nicht empfehlenswert

Diese Süßstoffe sind in der Schwangerschaft erlaubt

Nach aktueller EFSA-Bewertung gelten folgende Zuckerersatzstoffe bei Einhaltung der Tagesmengen als unbedenklich für Schwangere:

SüßstoffE-NummerADI (pro kg KG)Praxis-Beispiel bei 70 kg
AspartamE 95140 mgca. 14 Süßstofftabletten
Acesulfam-KE 9509 mgca. 20 Tabletten
SucraloseE 95515 mgca. 3 Liter Light-Getränk
SteviolglykosideE 9604 mgca. 40 Süßstofftabletten
ErythritE 968keine ADI festgelegtbis 0,5 g pro kg KG gut verträglich

Erythrit nimmt eine Sonderstellung ein. Der Zuckeralkohol wird zu 90 Prozent unverändert über die Nieren ausgeschieden, beeinflusst den Blutzucker nicht und wird laut EFSA (2015) auch in höheren Mengen gut vertragen. Er gilt derzeit als der am besten verträgliche Zuckerersatz in der Schwangerschaft.

Stevia: pflanzlich, aber nicht automatisch besser

Steviolglykoside werden aus den Blättern der Stevia-Pflanze gewonnen. Die EFSA hat 2010 eine ADI von 4 mg pro kg Körpergewicht festgelegt, ausgedrückt als Stevioläquivalent. Diese Menge lässt sich mit normalem Haushaltsgebrauch schwer überschreiten. Wichtig: Rohe Stevia-Blätter oder Rohextrakte sind in der EU nicht als Lebensmittel zugelassen.

Diese Zuckerersatzstoffe besser meiden

Zwei Süßungsmittel werden von Fachgesellschaften trotz EFSA-Zulassung in der Schwangerschaft ausdrücklich nicht empfohlen:

Saccharin (E 954): Kann laut Bundesinstitut für Risikobewertung die Plazentaschranke passieren und im fetalen Kreislauf länger verweilen als bei der Mutter. Auch wenn kein direkter Schaden belegt ist, empfiehlt das BfR (2020) eine zurückhaltende Verwendung während Schwangerschaft und Stillzeit.

Cyclamat (E 952): Die ADI liegt bei nur 7 mg pro kg Körpergewicht, deutlich niedriger als bei anderen Süßstoffen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät Schwangeren, Cyclamat zu meiden, da einzelne ältere Tierstudien Hinweise auf Entwicklungseffekte lieferten.

1
Aspartam
erlaubt, EFSA-bestätigt sicher
2
Sucralose
erlaubt, wird kaum resorbiert
3
Stevia
erlaubt, ADI schwer überschreitbar
4
Erythrit
bester Verträglichkeitsstatus
5
Saccharin
passiert Plazenta, meiden
6
Cyclamat
von DGE nicht empfohlen

Zuckeralkohole im Detail

Xylit, Sorbit und Maltit sind grundsätzlich nicht toxisch und für Schwangere zugelassen. Sie können jedoch ab 20 bis 30 Gramm pro Tag abführend wirken und Blähungen verursachen. Bei bestehender Neigung zu Verdauungsbeschwerden, die in der Schwangerschaft ohnehin häufig sind, sollten diese Mengen unterschritten werden.

Wer die genannten Hebel im Alltag umsetzen möchte, findet bei Herbano eine geprüfte Auswahl genau dieser Wirkstoffe in pharmazeutischer Qualität.

 

Warum "erlaubt" nicht "empfehlenswert" heißt

Der Standard-Ratschlag, in der Schwangerschaft einfach auf Süßstoffe umzusteigen, greift zu kurz. Er behebt das eigentliche Problem nicht, sondern verschiebt es nur. Die Ursache regelmäßigen Süßhungers liegt selten am Zucker selbst, sondern häufig an instabilen Blutzuckerwerten, Nährstoffmangel oder gewohnheitsmäßig gesüßten Alltagsgetränken.

Erstens: In einer Analyse von Hu et al. 2019 (n=1.454) zeigte sich bei Schwangeren mit hohem Konsum künstlich gesüßter Getränke ein erhöhtes Risiko für Frühgeburten. Die Autoren betonen, dass Kausalität nicht bewiesen ist, sehen jedoch Anlass für Zurückhaltung.

Zweitens: Eine kontrollierte Untersuchung von Suez et al. 2022 (n=120) zeigte, dass bereits geringe Mengen Sucralose und Saccharin die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms innerhalb von 14 Tagen verändern können. Für Schwangere ist das besonders relevant, weil das mütterliche Mikrobiom das kindliche Mikrobiom mitprägt.

Studie
Cell 2022;185(18) · doi:10.1016/j.cell.2022.07.016
Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance
Suez J. Et al., Weizmann Institute of Science

Die sinnvollere Strategie liegt darin, den Süßhunger an der Wurzel zu reduzieren, statt Zucker durch Süßstoff zu ersetzen.

Praktische Alltagsempfehlungen

Eine Schwangere berichtete in einer typischen Ernährungsberatung, dass sie täglich zwei Gläser Light-Cola trank und sich schuldig fühlte, weil sie Süßhunger nicht kontrollieren konnte. Nach einer Umstellung auf Wasser mit Zitrone, ausreichend Eiweiß zum Frühstück und Magnesium (300 mg pro Tag) verschwand das intensive Verlangen nach drei Wochen. Der Fall ist repräsentativ: Süßhunger folgt meist einem physiologischen Muster, nicht einem Willensproblem.

Vier konkrete Hebel

Blutzucker stabilisieren: Mahlzeiten mit ausreichend Eiweiß (mindestens 20 g pro Hauptmahlzeit), gesunden Fetten und komplexen Kohlenhydraten dämpfen Süßhunger deutlich. Ein Frühstück aus Vollkornbrot mit Ei sättigt länger als ein süßes Müsli.

Trinkgewohnheiten prüfen: Süße Getränke sind der größte Süßstoff-Einbringer. Wasser mit Beeren, Gurke oder Ingwer ist ein tragfähiger Ersatz.

Erythrit gezielt einsetzen: Für Backen und gelegentliches Süßen eignet sich Erythrit besonders. Es hat keinen Einfluss auf Blutzucker und Insulin und wird zu über 90 Prozent unverändert ausgeschieden (EFSA 2015).

Mikronährstoffe beachten: Ein Mangel an Magnesium, Chrom oder B-Vitaminen kann Süßhunger verstärken. Der Bedarf an diesen Nährstoffen ist in der Schwangerschaft erhöht.

Süßhunger Blutzucker instabil mehr Kohlenhydrate stärkerer Süßhunger. Der Kreislauf lässt sich mit stabilen Mahlzeiten und gezielten Nährstoffen durchbrechen

Wer den Süßhunger mit Nährstoffen unterstützen möchte, findet in Magnesium und einem B-Komplex zwei gut untersuchte Bausteine. Ergänzend zu einer eiweißreichen Ernährung können sie helfen, das Verlangen nach Süßem physiologisch zu reduzieren.

Eine vertiefte Übersicht zu allen Alternativen findet sich im ausführlichen Ratgeber Zuckerersatzstoffe.

Fazit

Aspartam, Sucralose, Acesulfam-K, Steviolglykoside und Erythrit gelten laut EFSA in der Schwangerschaft bei üblichem Verzehr als sicher. Saccharin und Cyclamat sollten hingegen gemieden werden. Konkret heißt das: erstens Getränke umstellen und süße Alltagsgetränke durch Wasser mit Zitrone oder Ingwer ersetzen. Zweitens Mahlzeiten so gestalten, dass sie mindestens 20 g Eiweiß enthalten, um Blutzucker und Süßhunger zu stabilisieren. Drittens Erythrit als Zucker-Ersatz zum Backen wählen und Saccharin sowie Cyclamat vermeiden. Ergänzend können gezielte Nährstoffe wie Magnesiumcitrat und ein hochwertiger Vitamin-B-Komplex den Süßhunger physiologisch dämpfen und die erhöhten Bedarfe in der Schwangerschaft abdecken.

FAQ

Ist Aspartam in der Schwangerschaft wirklich unbedenklich?

Ja, nach EFSA-Bewertung von 2013 ist Aspartam bei Einhaltung der ADI von 40 mg pro kg Körpergewicht auch für Schwangere sicher. Ausnahme: Frauen mit Phenylketonurie müssen Aspartam meiden, da es Phenylalanin enthält.

Warum wird Saccharin nicht empfohlen?

Saccharin kann die Plazentaschranke passieren und im fetalen Blut länger verweilen als bei der Mutter. Ein direkter Schaden ist nicht belegt, das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt dennoch Zurückhaltung.

Ist Stevia in der Schwangerschaft sicher?

Steviolglykoside sind seit 2011 in der EU zugelassen. Die ADI von 4 mg pro kg Körpergewicht lässt sich mit normalem Konsum kaum überschreiten. Rohe Stevia-Blätter sind hingegen nicht als Lebensmittel zugelassen.

Wie viel Erythrit ist in der Schwangerschaft in Ordnung?

Erythrit hat keine festgelegte ADI und gilt bis 0,5 Gramm pro kg Körpergewicht als gut verträglich. Bei sensibler Verdauung kann jedoch schon weniger Blähungen auslösen.

Beeinflussen Süßstoffe das Gewicht des Kindes?

Eine Studie von Azad et al. 2016 (n=3.033) fand Hinweise, dass regelmäßiger Konsum künstlich gesüßter Getränke mit höherem kindlichem BMI im ersten Lebensjahr korreliert. Kausalität ist nicht bewiesen, das Ergebnis mahnt jedoch zur Zurückhaltung.

Sind Zuckeralkohole wie Xylit in der Schwangerschaft erlaubt?

Ja, Xylit, Sorbit und Maltit sind zugelassen. Ab 20 bis 30 g pro Tag können sie abführend wirken und Blähungen verursachen, weshalb geringere Mengen empfohlen werden.

Quellen (in englischer Sprache):

Azad MB et al. (2016). Association Between Artificially Sweetened Beverage Consumption During Pregnancy and Infant Body Mass Index. JAMA Pediatrics, 170(7):662-670. Doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.1397

EFSA (2013). Scientific Opinion on the re-evaluation of aspartame (E 951) as a food additive. EFSA Journal, 11(12):3496. Doi: 10.2903/j.efsa.2013.3496

EFSA (2015). Scientific opinion on the safety of the proposed extension of use of erythritol. EFSA Journal, 13(3):4033. Doi: 10.2903/j.efsa.2015.4033

Suez J et al. (2022). Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance. Cell, 185(18):3307-3328. Doi: 10.1016/j.cell.2022.07.016

Hu J et al. (2019). Consumption of soft drinks and overweight and obesity among adolescents in 107 countries and regions. International Journal of Epidemiology, 48(4):1272-1284. Doi: 10.1093/ije/dyz126

Bundesinstitut für Risikobewertung (2020). Süßstoffe in Lebensmitteln. BfR Stellungnahme.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber dient nur zur Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Die Inhalte der Herbano Gesundheitsredaktion werden sorgfältig recherchiert und basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Studien.

Inhalt mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und von der Herbano Redaktion bearbeitet.