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Depressionen und Angststörungen zählen zu den am weitesten verbreiteten psychischen Erkrankungen weltweit. Sie sind nicht nur einzeln belastend, sondern treten auch häufig gemeinsam auf. Dieses gleichzeitige Auftreten wird in der Fachsprache als Komorbidität bezeichnet. Für Betroffene bedeutet dies oft eine stärkere Beeinträchtigung im Alltag, eine schwerere Krankheitslast und längere Verläufe.
Doch warum hängen Depressionen und Angst so eng zusammen? Welche biologischen und psychologischen Mechanismen erklären das? Und wie können Betroffene mit dieser Doppelbelastung umgehen? In diesem Ratgeber gehen wir genauer auf diese Fragen ein und sehen und die aktuelle Forschungslage dazu etwas näher an.
Forscher vermuten schon lange, dass Depressionen und Angststörungen nicht zufällig so häufig gemeinsam auftreten. Eine große Übersichtsarbeit von 1996 zeigt, dass bis zu 85 % der Menschen mit einer Depression auch Angstsymptome entwickeln. Umgekehrt erleben bis zu 90 % der Menschen mit einer Angststörung depressive Symptome.
Ein wichtiger Grund dafür ist, dass beide Erkrankungen gemeinsame Risikofaktoren haben.
Dazu zählen:
Diese Faktoren erhöhen das Risiko, sowohl eine Depression, als auch eine Angststörung zu entwickeln.
Um das Zusammenspiel von Depressionen und Ängsten besser zu verstehen, gibt es ein wissenschaftlich anerkanntes Erklärungsmodell, das sogenannte Tripartite-Modell. Es unterscheidet drei zentrale Bereiche:
Das Modell hilft zu verstehen, warum sich beide Erkrankungen überschneiden, aber auch eigene Charakteristika aufweisen.
➤ Wenn Sie mehr über Depression oder Angststörung lesen möchten, finden Sie Informationen dazu in unseren Ratgebern speziell zu diesen Themen.
Blogbeitrag zum Thema AngststörungBlogbeitrag zum Thema Depressionen
Interessant ist die Frage, ob in den meisten Fällen erst die Depression oder die Angst auftritt. Daten der Netherland Study of Depression and Anxiety (NESDA), einer großen Langzeitstudie mit 1.783 Teilnehmenden, zeigen: In rund 57 % der Fälle beginnt die Symptomatik mit einer Angststörung, der später eine Depression folgt. Nur bei etwa 18 % der Teilnehmenden tritt zuerst eine Depression auf.
Besonders relevant ist, dass Personen, die an beiden Erkrankungen leiden, oft schwerere Symptome, längere Krankheitsverläufe und schlechtere Behandlungsergebnisse erleben. In der Praxis bedeutet das, je früher eine Doppelproblematik erkannt wird, desto besser sind die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie.
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Bei Menschen mit komorbider Depression und Angst wird im Alltag häufig eine größere Einschränkung beobachtet als bei Betroffenen, die an einer der beiden Erkrankungen alleine leiden. Sie berichten von einer deutlich niedrigeren Lebensqualität. In ihrem Beruf haben sie oft mit Fehlzeiten zu kämpfen oder können trotz Anwesenheit ihre Arbeit nicht gut erledigen. Zwischenmenschliche Beziehungen leiden, da Rückzug und Nervosität den Kontakt zu anderen erschweren.
Eine Analyse von Berufstätigen mit Depression und Angst aus dem Jahr 2021 ergab, dass diese Gruppe eine wesentlich höhere Arbeitsunfähigkeit aufwies, als jene, die an Depressionen alleine erkrankt waren.
➤ Frauen leiden etwa doppelt so häufig wie Männer unter komorbider Depression und Angst. Hormonelle Schwankungen, aber auch psychosoziale Faktoren wie Mehrfachbelastungen werden als Ursachen diskutiert.
Das gemeinsame Auftreten von Depressionen und Angst ist nicht nur durch psychologische Ansätze zu erklären, sondern auch durch eine Reihe biologischer Prozesse. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass die Botenstoffe im Gehirn, Stresshormone, Immunprozesse und sogar genetische Schaltmechanismen miteinander verbunden sind.
Eine der bekanntesten Hypothesen ist die Monoamin-Theorie. Sie besagt, dass ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter, also chemische Botenstoffe im Gehirn, die Ursache von Depressionen und Angst ist.
Untersuchungen legen nahe, dass bei Menschen, die an einer komorbiden Depression und Angst leiden, häufig eine simultane Dysfunktion mehrerer dieser Systeme zu beobachten ist.
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Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA-Achse), das zentrale Stressregulationssystem des Körpers.
Bei akuter Belastung ist dieser Mechanismus äußert wichtig. Er mobilisiert Energie, steigert die Aufmerksamkeit und macht den Körper bereit, auf Gefahr zu reagieren. Problematisch wird es, wenn die HPA-Achse dauerhaft überaktiv ist. Dann bleiben die Cortisolwerte chronisch erhöht.
Mögliche Folgen sind:
Studien belegen, dass eine Vielzahl von Menschen, die an Depressionen und Ängsten leiden, genau diese Muster einer überaktiven HPA-Achse aufweisen.
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Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass auch das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. So weisen Menschen mit Depressionen häufig erhöhte Spiegel von Entzündungsmarkern wie Interleukin-6 (IL-6) oder C-reaktives Protein (CRP) im Blut auf. Diese entzündlichen Vorgänge können die Signalübertragung im Gehirn verändern und sind ebenfalls bei Angststörungen feststellbar. Ein dauerhaft entzündlicher Zustand kann demnach zu einem „Stressmilieu“ im Gehirn führen, welches sowohl Depressionen als auch Angststörungen begünstigt.
Interessant ist auch, dass spezifische Lebensstilfaktoren, wie etwa eine unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel oder chronischer Stress, die Entzündungen im Körper zusätzlich verstärken. Das könnte erklären, warum gesunde Ernährung und Sport so starke Effekte auf die Psyche haben.
Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zwischen Nervenzellen zu bilden. Diese Fähigkeit ist entscheidend für Lernen, Gedächtnis und emotionale Anpassung.
Bei Depressionen und Angststörungen findet man jedoch oft eine verminderte Neuroplastizität. Vor allem im Hippocampus ist die Neubildung von Nervenzellen, auch Neurogenese genannt, reduziert. Dies kann zu Gedächtnisproblemen, emotionaler Instabilität und einer schlechteren Stressbewältigung führen.
Viele moderne Antidepressiva und auch Lebensstilmaßnahmen wie Sport scheinen deshalb positive Effekte zu haben, weil sie die Neuroplastizität des Gehirns steigern. Das Gehirn wird dadurch wieder flexibler und anpassungsfähiger.
Auch die Genetik darf nicht außen vor gelassen werden. Bestimmte Genvarianten, etwa im Serotonin-Transporter-Gen (5-HTTLPR), können das Risiko für Depressionen und Angststörungen erhöhen, vor allem in Kombination mit belastenden Lebensereignissen.
Ebenfalls spannend ist die Epigenetik. Dabei geht es darum, wie Umweltfaktoren wie Stress, Ernährung oder traumatische Erfahrungen Gene an- oder ausschalten können, ohne die DNA selbst zu verändern. Studien zeigen, dass epigenetische Veränderungen an Stress- und Entzündungsgenen das Risiko für Depressionen und Angststörungen langfristig erhöhen können.
➤ Wichtig: Bestimmte natürliche Inhaltsstoffe wie Johanniskraut führen zu gefährlichen Wechselwirkungen bei der gemeinsamen Einnahme mit Antidepressiva. Vor der Einnahme sollten Sie also unbedingt Ihren Arzt oder Psychiater konsultieren.
Neben professioneller Hilfe gibt es viele Möglichkeiten, selbst Einfluss auf die psychische Gesundheit zu nehmen.
Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie selbst möglicherweise unter Depressionen oder Angstzuständen leiden, achten Sie auf folgende Punkte:
Wenn mehrere dieser Punkte auf Sie zutreffen, sollten Sie ärztliche oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Depressionen und Angststörungen sind keine Gegensätze, sondern eng miteinander verwoben. Die Tatsache, dass es gemeinsame Risikofaktoren, ähnliche biologische Mechanismen und sich überschneidende Symptome gibt, erklärt die hohe Komorbidität. Für Betroffene bedeutet dies eine größere Herausforderung im Alltag. Die positive Nachricht: Viele Therapieansätze wirken gegen beide Erkrankungen gleichzeitig.
Eine Kombination aus Psychotherapie, gegebenenfalls Medikamente, einem gesunden Lebensstil und gezielter Nahrungsergänzung kann dabei helfen, die Lebensqualität zurückzugewinnen. Je früher professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, desto besser sind die Aussichten auf eine deutliche Besserung.
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