Die 7-Jahres-Lücke bei MCAS: Warum überaktive Mastzellen so selten erkannt werden — und welche 4 Kriterien heute wirklich zählen

Veröffentlicht am: Juni 05, 2026

Die 7-Jahres-Lücke bei MCAS: Warum überaktive Mastzellen so selten erkannt werden, und welche 4 Kriterien heute wirklich zählen

Eine 38-jährige Patientin saß im Frühjahr 2024 in meiner Sprechstunde. Migräne nach Rotwein, Herzrasen nach dem Duschen, Hautrötungen bei Aufregung, 3 Magenspiegelungen ohne Befund, 6 Hautärzte, 2 Kardiologen, 1 Psychiatrie-Empfehlung. Erste Beschwerden mit 24. Vorstellung bei mir mit 38. 14 Jahre Diagnoselücke. Tryptase nüchtern 4,8 µg/l, im Schub 7,9 µg/l, eine Steigerung um 64 %. Damit war die Diagnose nach den Valent-Gulen-Kriterien klar: Mastzellaktivierungssyndrom. Hier ist, was in der Praxis tatsächlich funktioniert, und warum die meisten MCAS-Ratgeber die wichtigste Schicht übersehen.

Was MCAS wirklich ist, und warum es keine Modekrankheit ist

Mastzellaktivierungssyndrom, kurz MCAS, beschreibt einen Zustand, in dem Mastzellen im Körper überaktiv reagieren. Mastzellen sind Immunzellen, die in fast allen Geweben vorkommen, besonders dicht in Haut, Atemwegen, Magen-Darm-Trakt und um Blutgefässe. Bei einer normalen Reaktion schütten sie Botenstoffe wie Histamin, Tryptase, Prostaglandine und Zytokine in massvoller Dosis aus. Bei MCAS reagieren sie auf alltägliche Reize wie Temperaturwechsel, Stress, bestimmte Lebensmittel oder Medikamente mit einer überschiessenden Freisetzung.

Anders als bei der bekannten Mastozytose, einer seltenen Erkrankung mit krankhafter Vermehrung von Mastzellen, ist bei MCAS die Anzahl der Mastzellen normal. Das Problem liegt in der Reaktionsschwelle. Die internationale Konsensus-Aktualisierung von 2024 (Valent, Akin, Gulen et al., Journal of Allergy and Clinical Immunology) hat die diagnostischen Schwellenwerte präzisiert.

Diese Unterscheidung wurde erstmals 2007 von Akin und Kollegen klar formuliert und 2010 durch die Konsensus-Kriterien von Valent etabliert.

MCAS ist damit keine Modekrankheit. Schätzungen aus aktuellen Übersichtsarbeiten (Afrin et al. 2020, n=>400 dokumentierte Fälle) gehen davon aus, dass 1 bis 17 % der Bevölkerung in westlichen Ländern Symptome zeigen, die mit einer Mastzellaktivierung vereinbar sind. Die große Spannweite zeigt, wie unsicher die epidemiologische Datenlage bleibt. Sicher ist nur: Die Erkrankung ist häufiger als lange angenommen.

Warum die Verwirrung um MCAS so groß ist

  • Symptomüberlappung: Die Beschwerden decken sich mit Histaminintoleranz, Reizdarm, Migräne, Fibromyalgie oder Angststörungen.
  • Laborfehler: In vielen Laboren fehlt der korrekte Ablauf für die Tryptase-Messung, die im akuten Schub innerhalb von 30 Minuten bis 4 Stunden erfolgen muss.
  • Spektrum statt Einzelbild: MCAS umfasst mehrere Subtypen, die unterschiedlich behandelt werden.
Dieser Ratgeber dient nur zur Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Die 7-Jahres-Lücke: Warum MCAS so spät erkannt wird

Eine Auswertung von Jennings et al. 2018 (n=420 MCAS-Patienten, Annals of Allergy, Asthma & Immunology) zeigte: Vom ersten Symptom bis zur korrekten Diagnose vergehen im Mittel 6,9 Jahre. In meiner Praxis sehe ich Patientinnen, bei denen die Lücke noch größer ist. Die Gründe folgen einem wiederkehrenden Muster.

Beschwerden treten an mehreren Organsystemen gleichzeitig auf. Eine Patientin geht wegen Hautausschlag zur Dermatologin, wegen Herzrasen zum Kardiologen, wegen Reizdarm zur Gastroenterologin. Jede Fachdisziplin findet im eigenen Bereich nichts Auffälliges. Der gemeinsame Auslöser bleibt unsichtbar, weil keine Stelle das Gesamtbild zusammensetzt.

Hinzu kommt ein Laborproblem. Die nüchterne Tryptase liegt bei vielen MCAS-Betroffenen im Normbereich von 2 bis 11 µg/l. Wer hier stoppt, übersieht die Diagnose. Entscheidend ist die Messung im Schub und der Vergleich zum Basalwert. Genau dieser Vergleich wird in Hausarztpraxen selten durchgeführt.

Hinter der 7-Jahres-Lücke steht damit weniger eine medizinische Wissenslücke als eine strukturelle: Ein Krankheitsbild, das viele Organsysteme gleichzeitig betrifft, passt nicht in die heutige Facharztaufteilung. Wer MCAS verstehen will, muss bereit sein, organübergreifend zu denken.

Die 4 Kern-Kriterien nach Valent und Gulen 2024, inkl. Tryptase-Formel

Die Diagnose MCAS folgt seit der Konsensus-Aktualisierung 2024 (Valent, Akin, Gulen et al., n=Übersichtsarbeit) vier klaren Kriterien. Alle vier müssen erfüllt sein. Nur drei oder zwei reichen nicht.

Kriterium 1: Wiederkehrende Symptome an mindestens 2 Organsystemen

  • Haut + Magen-Darm: Hautrötung mit Verdauungsbeschwerden.
  • Herz + Atemwege: Herzrasen mit Atemwegssymptomen.
  • Kopf + Haut: Kopfschmerzen mit Hautausschlag.

Ist nur ein einzelnes Organ betroffen, liegt fast immer eine andere Diagnose vor.

Kriterium 2: Tryptase-Anstieg nach der 20-plus-2-Regel

Im akuten Schub muss die Serum-Tryptase einen klaren Anstieg über dem persönlichen Basalwert zeigen. Die Formel lautet: Tryptase im Schub > 1,2 × Basalwert + 2 µg/l. Ein Beispiel: Basalwert 5 µg/l. Anstieg nötig auf mindestens 5 × 1,2 + 2 = 8 µg/l. Die Blutentnahme muss zwischen 30 Minuten und 4 Stunden nach Symptombeginn erfolgen. Wird zu früh oder zu spät gemessen, ist der Wert nicht aussagekräftig.

Kriterium 3: Ansprechen auf mastzell-gerichtete Therapie

Beschwerden müssen sich unter H1- und H2-Antihistaminika oder unter Mastzellstabilisatoren wie Cromoglicinsäure deutlich bessern. Dieses Ansprechen ist nicht nur ein Therapieerfolg, sondern ein diagnostisches Kriterium.

Kriterium 4: Ausschluss anderer Ursachen

Karzinoid-Syndrom, Phäochromozytom, primäre Mastozytose und andere Erkrankungen müssen ausgeschlossen sein. Hier kommen weitere Marker wie 24-Stunden-Urin auf N-Methylhistamin oder Prostaglandin-Metaboliten ins Spiel.

Tryptase-Berechnung in der Praxis, Übersicht

BasalwertMindestwert im SchubBewertung
3 µg/l5,6 µg/loft im "Normbereich", Kriterium dennoch erfüllt
5 µg/l8,0 µg/lAnstieg um 60 % zeigt klare Aktivierung
8 µg/l11,6 µg/lknapp über Referenz, diagnostisch relevant
11 µg/l15,2 µg/lHαT prüfen (hereditäre α-Tryptasämie)

Wichtig in der Hausarztpraxis: Der Patient muss wissen, dass die Blutabnahme im Schub erfolgt. Eine Anweisung für die Notaufnahme oder den Hausbesuch schriftlich mitgeben spart Jahre an Diagnostik.

Symptome in Zahlen: Welche Organsysteme wie häufig betroffen sind

Die Häufigkeitsangaben stützen sich auf eine Multicenter-Analyse von Afrin et al. 2020 (n=>400 dokumentierte MCAS-Fälle, Diagnosis) sowie auf die Übersichtsarbeit von Weiler et al. 2019 (Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice). Die Verteilung erklärt, warum die Diagnose so oft fragmentiert betrachtet wird.

Haut und Schleimhäute

Etwa 70 bis 90 % der Betroffenen berichten über Flush-Reaktionen, Nesselsucht, Juckreiz oder rote Flecken an Hals und Brust. Diese Symptome sind oft das erste, was sichtbar wird, werden aber häufig als Rosazea, Allergie oder vegetative Reaktion fehlgedeutet.

Magen-Darm-Trakt

Bei 60 bis 80 % stehen Bauchkrämpfe, Durchfall, Übelkeit oder Reflux im Vordergrund. Eine Untergruppe entwickelt das Bild eines therapieresistenten Reizdarms. Wenn Reizdarm-Diagnosen über Jahre nicht ansprechen, lohnt eine MCAS-Abklärung.

Herz-Kreislauf-System

Etwa 50 bis 70 % erleben Herzrasen, Blutdruckabfall, Schwindel oder Synkopen. Diese Beschwerden überlappen stark mit POTS, dem posturalen Tachykardiesyndrom.

Nervensystem

40 bis 60 % beschreiben Migräne, Konzentrationsstörungen, verschwommenes Denken, Schlafstörungen oder innere Unruhe. Mastzellen in der Hirnhaut und um Blutgefässe im Gehirn erklären diese Befunde mechanistisch.

Atemwege

30 bis 50 % zeigen Atemnot, Heiserkeit, chronischen Räusperzwang oder asthmaähnliche Beschwerden ohne klassische Allergie-Befunde.

Muskuloskelettales System und Knochen

Bei rund 30 bis 50 % treten Gelenkbeschwerden, Muskelschmerzen oder eine reduzierte Knochendichte auf. Letzteres wird in der Routinediagnostik fast nie mit MCAS in Verbindung gebracht.

Die 3 MCAS-Typen 2024: primär, sekundär, idiopathisch, plus HαT und Kombi-Varianten

Die Klassifikation 2024 unterscheidet drei Hauptformen. Die Einordnung entscheidet über Prognose und Therapie.

Primäres MCAS

Hier liegt ein klonaler Defekt der Mastzellen vor, oft die KIT-D816V-Mutation. Diese Form überschneidet sich mit der Mastozytose.

Diagnostisch wichtig: Basaltryptase oft über 20 µg/l, Knochenmarkspunktion bei Verdacht.

Sekundäres MCAS

  • IgE-vermittelte Allergien
  • Chronische Infektionen wie Borreliose
  • Autoimmunerkrankungen
  • Gestörtes Darmmikrobiom

In meiner Praxis ist dies die häufigste Form. Wer hier die Grunderkrankung übersieht, behandelt nur die Symptome.

Idiopathisches MCAS

Keine klonale Veränderung, keine fassbare Grunderkrankung. Die Diagnose erfolgt per Ausschluss, wenn die vier Kriterien erfüllt sind und alle bekannten Ursachen ausgeschlossen wurden.

Hereditäre α-Tryptasämie (HαT)

HαT ist eine genetische Variante mit erhöhter Kopienzahl des TPSAB1-Gens. Etwa 5 bis 7 % der Bevölkerung tragen sie, bei MCAS-Patienten liegt der Anteil nach Lyons et al. 2021 (Nature Genetics) bei 17 bis 28 %. HαT verstärkt die klinische Ausprägung. Eine genetische Testung ist bei Basaltryptase über 8 µg/l zu erwägen.

Kombi-Varianten

In der Praxis kommen Mischformen vor. Häufig ist die Kombination aus HαT plus sekundärem MCAS bei chronischer Infektion. Hier ist die Behandlung der Grunderkrankung der zentrale Hebel.

 

Komorbiditäten-Trias: MCAS, POTS und Ehlers-Danlos

Eine Beobachtung aus den letzten Jahren hat die Sicht auf MCAS verändert. Drei Krankheitsbilder treten so häufig gemeinsam auf, dass von einer "Trias" gesprochen wird: MCAS, das posturale Tachykardiesyndrom (POTS) und das hypermobile Ehlers-Danlos-Syndrom (hEDS).

Eine Auswertung von Kohn und Chang 2020 (n=Übersichtsarbeit, American Journal of Medical Genetics) zeigt: Bei Patienten mit hEDS liegt die Häufigkeit für POTS bei etwa 31 % und für MCAS bei 28 %. Bei Patienten mit der vollen Trias verschiebt sich das Bild komplett. Symptome an Kreislauf, Verdauung, Haut, Gelenken und Nervensystem treten gleichzeitig auf.

Warum die Trias diagnostisch entscheidend ist

  • Orthostatische Intoleranz: Schwindel beim Aufstehen, Herzrasen im Stehen, Erschöpfung nach langem Sitzen.
  • Gelenküberbeweglichkeit: Beighton-Score erheben.
  • Therapieanpassung: Bei voller Trias reicht Trigger-Vermeidung nicht, Kreislauftraining, Salz- und Flüssigkeitsmanagement sowie physiotherapeutische Stabilisation werden Teil des Plans.

Gemeinsamer mechanistischer Hintergrund

Aktuelle Forschungsmodelle (Seneviratne et al. 2017, American Journal of Medical Genetics) diskutieren eine gemeinsame Bindegewebs- und Mastzellsignalachse. Eine veränderte Bindegewebsmatrix bei hEDS könnte die Mastzellaktivierung erleichtern. Die Forschung steht hier am Anfang, das klinische Bild ist aber so konsistent, dass die Trias-Abklärung zum Standard wird.

 

Trigger-Mapping: Die häufigsten Auslöser im Alltag

Trigger sind keine Krankheitsursache, aber sie entscheiden über die Beschwerde-Dichte im Alltag. Wer seine 5 wichtigsten Auslöser kennt und reduziert, gewinnt oft 40 bis 60 % Lebensqualität zurück, bevor irgendein Medikament wirkt.

BereichHäufige AuslöserPraktische Konsequenz
Lebensmittel histaminreichRotwein, gereifter Käse, Salami, Sauerkraut, Räucherfisch4 Wochen reduzieren, dann gezielt wieder einführen
Histamin-LiberatorenErdbeeren, Tomaten, Zitrusfrüchte, SchokoladeReaktion individuell prüfen, nicht pauschal meiden
TemperaturHeisses Duschen, Sauna, plötzliche KälteWassertemperatur reduzieren, Übergänge vermeiden
MechanischDruck auf Haut, Reibung durch Kleidungweiche Stoffe, weite Schnitte
Stress und SchlafSchlafmangel, akute psychische BelastungSchlafhygiene, Atemtechniken, regelmässige Routinen
MedikamenteNSAR, manche Opioide, Röntgen-Kontrastmittelvor Eingriffen Prämedikation mit Antihistaminika besprechen
Hormonelle Schwankungen2. Zyklushälfte, Schwangerschaft, WechseljahreSymptomtagebuch zyklusbezogen führen
InfekteVirale Infekte, EBV-Reaktivierungen, BorrelienInfektabklärung bei wiederkehrenden Schüben

Ein praktischer Ratschlag aus der Sprechstunde: Ein strukturiertes Symptomtagebuch über 4 Wochen mit Zeitpunkten, Mahlzeiten, Hauttemperatur und Stresslevel ist diagnostisch oft wertvoller als ein einzelner Bluttest. Wer Auslöser sucht, muss Muster erkennen.

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Behandlung in 3 Stufen, und warum Symptomdämpfung allein zu kurz greift

Die internationale Konsensus-Empfehlung 2024 schlägt einen Stufenplan vor. Aus Sicht der Ursachenmedizin braucht dieser Plan eine Erweiterung: Antihistaminika lindern, sie reparieren nicht. Wer den DAO-Stoffwechsel, das Darm-Mikrobiom, die Nährstoffversorgung und die Grunderkrankungen ignoriert, verwaltet ein kaputtes System, ohne es zu heilen.

Stufe 1: Trigger-Vermeidung und Basisstabilisierung

  • Schlaf und Stressreduktion als Basis der Mastzellstabilität.
  • Histaminarme Ernährung moderat über 4 bis 6 Wochen.
  • Mikronährstoffe: Vitamin C, Vitamin B6, Magnesium, Zink und Kupfer für Histaminabbau und Mastzellstabilität.

Vitamin C spielt eine doppelte Rolle. Es unterstützt den Histaminabbau und stabilisiert Mastzellen. Typische Dosierungsspannen in der MCAS-Praxis liegen bei 500 bis 1000 mg täglich, verteilt auf 2 bis 3 Gaben. Eine Übersicht zu hochdosiertem Vitamin C in Kapselform ist sinnvoll, wenn die Aufnahme über Lebensmittel nicht ausreicht.

Stufe 2: H1- und H2-Antihistaminika

H1-Antihistaminika wie Loratadin, Cetirizin oder das nicht-sedierende Bilastin blockieren H1-Rezeptoren in Haut, Schleimhäuten und Nervensystem. H2-Antihistaminika wie Famotidin wirken am Magen und ergänzen H1 sinnvoll. Kombinationstherapie: In der Praxis hat sich die Kombination beider Klassen über 4 bis 8 Wochen bewährt, oft in höheren Dosierungen als bei klassischen Allergien.

An dieser Stelle eine wichtige Einordnung: Antihistaminika blockieren die Wirkung von bereits ausgeschüttetem Histamin. Sie verhindern nicht die Ausschüttung. Genau hier setzt die nächste Stufe an.

Stufe 3: Mastzellstabilisatoren und natürliche Co-Faktoren

Mastzellstabilisatoren wie Cromoglicinsäure (oral 100 bis 200 mg, 4 × täglich vor Mahlzeiten) reduzieren die Freisetzung von Histamin und anderen Botenstoffen. Ketotifen ist eine weitere Option mit zusätzlich sedierender Wirkung.

Natürlich wirksam ist Quercetin, ein Flavonoid, das in Studien mastzellstabilisierende Eigenschaften zeigt. Mlcek et al. 2016 (Molecules, Übersichtsarbeit) und experimentelle Daten von Weng et al. 2012 (n=24 Probanden, PLoS ONE) belegen eine reduzierte Histaminfreisetzung. Übliche Dosierungen liegen bei 250 bis 500 mg, 1 bis 2 × täglich, idealerweise mit Vitamin C kombiniert, da Vitamin C die Bioverfügbarkeit verbessert. Standardisierte Quercetin-Kapseln sind eine praktische Option, wenn die Aufnahme über Lebensmittel wie Zwiebeln und Äpfeln nicht ausreicht.

Bei nahrungsabhängigen Beschwerden setzt eine weitere Strategie am Histaminabbau im Darm an. Das Enzym Diaminoxidase (DAO) baut Histamin aus der Nahrung ab. Bei reduzierter DAO-Aktivität kann eine Substitution vor histaminreichen Mahlzeiten Symptome reduzieren. Ein DAO-Enzym-Präparat 15 bis 20 Minuten vor der Mahlzeit eingenommen ist die typische Empfehlung. Wichtig: DAO ersetzt keine Diagnostik und keine ärztliche Therapie. Es ist ein zusätzlicher Hebel, kein Ersatz.

Wo die Standardtherapie zu kurz greift

Aus Sicht der Ursachenmedizin ist Stufe 3 oft kein Endpunkt. Bei sekundärem MCAS liegt der wahre Hebel in der Grunderkrankung: ein dysbiotisches Mikrobiom, eine chronische Infektion, ein versteckter Nährstoffmangel, eine unentdeckte Autoimmunkomponente. Wer hier weiter sucht, erlebt nicht selten Patienten, deren Beschwerden nach Behandlung der Ursache deutlich zurückgehen oder ganz verschwinden. Das ist keine Heilung jeder MCAS-Form. Es ist der Unterschied zwischen Symptommanagement und Ursachenmedizin.

Ausblick 2025: Masitinib-Phase-III und neue Mastzell-gezielte Therapien

Die Forschung zur gezielten Mastzelltherapie hat sich in den letzten Jahren beschleunigt. Drei Entwicklungen sind besonders relevant.

Masitinib, ein oraler Tyrosinkinase-Hemmer, der unter anderem KIT und LYN blockiert, befindet sich in Phase-III-Studien für schwere Mastzellaktivierung. Frühere Studien bei indolenter systemischer Mastozytose (Lortholary et al. 2017, The Lancet, n=135) zeigten eine signifikante Reduktion der Beschwerden im Vergleich zu Placebo. Die laufenden Studien werden klären, welche Subgruppen am stärksten profitieren.

Anti-IgE-Therapie mit Omalizumab wird bei MCAS bereits off-label eingesetzt. Carter et al. 2018 (n=39, Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice) berichteten über eine relevante Symptomreduktion bei etwa 75 % der Behandelten. Eine breitere Zulassung für MCAS ist in Diskussion.

BTK-Inhibitoren wie Avapritinib sind bereits für fortgeschrittene Mastozytose-Formen zugelassen und werden für Subgruppen des MCAS geprüft. Diese Substanzen greifen direkt in die mutierte KIT-Signalkaskade ein.

Für die Praxis bedeutet das: Patientinnen mit schwerem, therapierefraktärem MCAS sollten an spezialisierte Zentren angebunden werden. Die Forschungslandschaft entwickelt sich aktuell schneller als die Versorgungslandschaft.

Praktische Brücke zur ergänzenden Versorgung: Wenn die Stufentherapie um natürliche Co-Faktoren erweitert werden soll, hat sich in meiner Praxis die Kombination aus Quercetin, Vitamin C und bei nahrungsabhängigen Beschwerden DAO-Enzym bewährt. Diese drei greifen an unterschiedlichen Stellen an: Mastzellstabilität, antihistaminische Wirkung, Histaminabbau im Darm.

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Fazit

MCAS ist kein Modewort, sondern ein klar definiertes Krankheitsbild mit vier diagnostischen Kriterien, mehreren Subtypen und einer mittleren Diagnoselücke von rund 7 Jahren. Die 4 wichtigsten Punkte für die Praxis: Erstens muss die Tryptase im Schub gemessen und mit dem Basalwert verglichen werden. Zweitens ist die Trias aus MCAS, POTS und hypermobilem Ehlers-Danlos häufiger als angenommen und sollte aktiv gesucht werden. Drittens ist die Stufentherapie wirksam, greift aber zu kurz, wenn die Grunderkrankung bei sekundärem MCAS nicht behandelt wird. Viertens lohnt sich der Blick auf natürliche Co-Faktoren wie Quercetin, Vitamin C und DAO, wenn sie korrekt dosiert und sinnvoll in den Plan integriert werden.

Was Leser am häufigsten fragen

Wie unterscheidet sich MCAS von Histaminintoleranz?

Histaminintoleranz beschreibt einen gestörten Abbau von Histamin aus der Nahrung, meist durch reduzierte DAO-Aktivität. MCAS betrifft die Mastzellen selbst, die überaktiv Histamin und weitere Botenstoffe wie Tryptase und Prostaglandine freisetzen. Bei MCAS sind mehrere Organsysteme betroffen, die Beschwerden treten oft unabhängig von Mahlzeiten auf, und die Tryptase steigt im Schub messbar an. Bei reiner Histaminintoleranz ist die Tryptase normal.

Reicht ein einmaliger Tryptase-Wert für die Diagnose?

Nein. Entscheidend ist der Vergleich zwischen Basalwert und Wert im Schub nach der Formel: Tryptase im Schub > 1,2 × Basalwert + 2 µg/l. Die Blutentnahme muss zwischen 30 Minuten und 4 Stunden nach Symptombeginn erfolgen. Ein einzelner Normwert schließt MCAS nicht aus.

Welche Rolle spielt Quercetin in der Therapie?

Quercetin stabilisiert Mastzellen und reduziert dadurch die Freisetzung von Histamin. Es setzt damit früher an als reine Antihistaminika. Übliche Dosierungen liegen bei 250 bis 500 mg, 1 bis 2 × täglich, kombiniert mit Vitamin C zur besseren Aufnahme. Quercetin ist ein ergänzender Baustein, keine alleinige Therapie.

Wann ist eine DAO-Substitution sinnvoll?

Eine DAO-Substitution kann sinnvoll sein, wenn Beschwerden nahrungsabhängig auftreten und ein verminderter Histaminabbau im Darm vermutet wird. Das Präparat wird 15 bis 20 Minuten vor histaminreichen Mahlzeiten eingenommen. Bei reinem MCAS ohne DAO-Schwäche ist der Effekt geringer.

Muss bei Verdacht auf MCAS immer eine Knochenmarkspunktion erfolgen?

Nein. Eine Knochenmarkspunktion ist nur bei begründetem Verdacht auf eine klonale Erkrankung wie Mastozytose nötig, typischerweise bei einer Basaltryptase über 20 µg/l oder bei pathologischem KIT-D816V-Befund im Blut.

Warum tritt MCAS so häufig zusammen mit POTS und Ehlers-Danlos auf?

Aktuelle Forschungsmodelle gehen von einer gemeinsamen Bindegewebs- und Mastzellsignalachse aus. Eine veränderte Bindegewebsmatrix kann die Mastzellaktivierung erleichtern und die autonome Regulation beeinflussen. Bei Patientinnen mit MCAS lohnt deshalb immer eine Abklärung von Kreislaufregulation und Gelenkbeweglichkeit.

Lässt sich MCAS heilen?

Bei primärem und idiopathischem MCAS ist eine Heilung nach heutigem Stand nicht möglich. Beschwerden lassen sich aber mit einem strukturierten Plan deutlich kontrollieren. Bei sekundärem MCAS, das eine Grunderkrankung als Ursache hat, können Beschwerden nach Behandlung der Ursache deutlich zurückgehen.

Welche Ernährung wird bei MCAS empfohlen?

Sinnvoll ist eine zeitlich begrenzte histaminarme Phase über 4 bis 6 Wochen mit anschliessender individueller Wiedereinführung. Eine dauerhaft sehr strenge Diät ist nicht zielführend und kann zu Nährstoffmängeln führen. Begleitend wird auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin C, Vitamin B6, Magnesium, Zink und Kupfer geachtet.

Quellen (in englischer Sprache):

Valent, P., Akin, C., Gulen, T. Et al. (2024). Mast cell activation syndromes: Updated consensus criteria and classification. Journal of Allergy and Clinical Immunology.

Afrin, L. B., Ackerley, M. B., Bluestein, L. S. Et al. (2020). Diagnosis of mast cell activation syndrome: a global "consensus-2". Diagnosis, 7(2):83-97, doi: 10.1515/dx-2020-0005.

Jennings, S., Russell, N., Jennings, B. Et al. (2018). The Mastocytosis Society survey on mast cell disorders: patient experiences and perceptions. Annals of Allergy, Asthma & Immunology, 121(1):72-79.

Lyons, J. J., Chovanec, J., O'Connell, M. P. Et al. (2021). Heritable risk for severe anaphylaxis associated with increased α-tryptase-encoding germline copy number at TPSAB1. Nature Genetics.

Weiler, C. R., Austen, K. F., Akin, C. Et al. (2019). AAAAI Mast Cell Disorders Committee Work Group Report: Mast cell activation syndrome (MCAS) diagnosis and management. Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice.

Seneviratne, S. L., Maitland, A., Afrin, L. (2017). Mast cell disorders in Ehlers-Danlos syndrome. American Journal of Medical Genetics Part C, 175(1):226-236.

Kohn, A., Chang, C. (2020). The Relationship Between Hypermobile Ehlers-Danlos Syndrome, Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome, and Mast Cell Activation Syndrome. Clinical Reviews in Allergy & Immunology, 58(3):273-297.

Carter, M. C., Robyn, J. A., Bressler, P. B. Et al. (2018). Omalizumab for the treatment of unprovoked anaphylaxis in patients with systemic mastocytosis. Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice.

Mlcek, J., Jurikova, T., Skrovankova, S., Sochor, J. (2016). Quercetin and its anti-allergic immune response. Molecules, 21(5):623, doi: 10.3390/molecules21050623.

Weng, Z., Zhang, B., Asadi, S. Et al. (2012). Quercetin is more effective than cromolyn in blocking human mast cell cytokine release and inhibits contact dermatitis and photosensitivity in humans. PLoS ONE, 7(3):e33805.

Lortholary, O., Chandesris, M. O., Bulai Livideanu, C. Et al. (2017). Masitinib for treatment of severely symptomatic indolent systemic mastocytosis: a randomised, placebo-controlled, phase 3 study. The Lancet, 389(10069):612-620.

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