Die Opioid-Krise: Wieso sind Schmerzmittel so gefährlich?

Die Opioid-Krise: Wieso sind Schmerzmittel so gefährlich?

24 Min. Lesezeit Aktualisiert am 29. September 2026
Das Wichtigste in Kürze
Opioide wie Morphin, Oxycodon oder Fentanyl lindern starke Schmerzen, können aber abhängig machen: Bei Menschen mit chronischen Schmerzen, die Opioide erhalten, entwickelten in einer Auswertung von 38 Studien im Schnitt 8 bis 12 % eine Sucht (Vowles et al., 2015). In den USA starben 2024 79.384 Menschen an einer Überdosis (CDC, 2026), in der EU mindestens 7.600 – Opioide sind dort die häufigste Ursache drogenbedingter Todesfälle (EUDA, 2026). Verordnete Schmerzmittel nie eigenmächtig absetzen oder reduzieren: Hilfe bieten die Hausarztpraxis und Suchtberatungsstellen, im Notfall der Notruf 112.

Die Abhängigkeit von Opioiden gilt in den USA als eines der größten Gesundheitsprobleme der letzten Jahrzehnte. Im Jahr 2024 starben dort 79.384 Menschen an einer Überdosis. Die Sterberate sank damit gegenüber dem Vorjahr um 26,2 %, nachdem sie von 2014 bis 2022 gestiegen war (CDC, 2026).

Vielen Menschen kommt ein bestimmtes Bild in den Sinn, sobald sie das Wort „drogenabhängig“ hören. Von einer Abhängigkeit von Opioiden können jedoch alle Bevölkerungsschichten betroffen sein. Opioide sind Substanzen mit einem ungeheuren Suchtpotential. Aus diesem Grund finden sich Abhängige in allen ethnischen Volksgruppen, Altersgruppen und Einkommensschichten wieder. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein älterer Erwachsener Opioide zur Linderung seiner chronischen Arthritisschmerzen einnimmt oder ein Jugendlicher die Medikamente einfach nur ausprobiert. Beide sind gleichermaßen anfällig für die langfristigen Schäden, die durch den Konsum von Opioiden verursacht werden.

Die meisten Menschen stimmen darin überein, dass es sich bei Heroin – das bekannteste illegale Opioid – um eine sehr gefährliche Droge handelt. Viele wissen jedoch nicht, dass auch legale verschreibungspflichtige Opioide zur Schmerzlinderung abhängig machen können. Gemäß den Ergebnissen der Nationalen Umfrage zum Drogenkonsum und zur Gesundheit (NSDUH) aus dem Jahr 2015 hat mehr als jeder dritte erwachsene US-Amerikaner (37,8 Prozent) innerhalb der letzten 12 Monate ein verschreibungspflichtiges Opioidpräparat verwendet (Han et al., 2017).

Ob Hydrocodon, Oxycodon, Fentanyl, Methadon oder Heroin – der Einsatz von Opioidpräparaten und/ oder illegalen Drogen stellt zunehmend ein ernstes Problem nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt dar.

Die Fakten zur Opioid-Krise

  • In den USA hat mehr als einer von drei Erwachsenen (37,8 Prozent) innerhalb der letzten 12 Monate ein verschreibungspflichtiges Opioidpräparat verwendet (Nationale Umfrage zum Drogenkonsum und zur Gesundheit 2015) (Han et al., 2017).
  • Bei Menschen, die Opioidpräparate zur Behandlung chronischer Schmerzen erhalten, kam es in einer Auswertung von 38 Studien im Schnitt bei 21 bis 29 Prozent zu einem Fehlgebrauch dieser Medikamente und bei 8 bis 12 Prozent zu einer Sucht (Vowles et al., 2015).
  • Nach Opioiden wird nicht nur eine bestimmte Gruppe süchtig. Abhängige finden sich in allen ethnischen Volksgruppen, Altersgruppen und Einkommensschichten.
  • Die meisten Menschen wissen, dass das Opiat Heroin illegal und gefährlich ist. Viele übersehen leider, dass auch legalen verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln, die Opiate enthalten, ein ungeheures Suchtpotential innewohnt.
  • Viele Menschen werden süchtig, nachdem sie die Medikamente legal von ihrem Arzt oder von einem Freund erhalten haben, der ein legales Rezept besaß. In den USA bekamen 40,8 Prozent derjenigen mit Fehlgebrauch die Opioide zuletzt kostenlos von Freunden oder Verwandten (Han et al., 2017).
  • Bereits etwa 2 mg Fentanyl können tödlich sein – je nach Körpergröße, Gewöhnung und bisherigem Konsum (DEA).
  • Im Jahr 2024 starben in den USA 79.384 Menschen an einer Überdosis. Die Sterberate durch synthetische Opioide wie Fentanyl sank gegenüber 2023 um 35,6 Prozent (CDC, 2026).
  • Die Gesundheitsbehörden sind in großer Sorge, da der Einsatz von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln oft als Einstieg zur Verwendung anderer Opioidpräparate mit hohem Suchtpotential dient, insbesondere von Heroin. In einer Befragung von 2.797 Menschen in Suchtbehandlung wegen Heroin waren 75 Prozent der neueren Konsumenten über verschreibungspflichtige Opioide zum Heroin gekommen (Cicero et al., 2014).

Was ist die Opioid-Krise?

Der Begriff „Opioid-Krise“ bezieht sich auf den wachsenden Kampf in den USA sowie Kanada gegen die Abhängigkeit von opioidhaltigen Schmerzmitteln sowie illegalen Opioiden wie Heroin. Die NSDUH-Studie kam zu dem Ergebnis, dass „die häufigsten Arten von Psychotherapeutika, die (Stand 2013) missbräuchlich verwendet wurden, Schmerzmittel, Tranquilizer, Stimulanzien und Schlafmittel sind – in dieser Reihenfolge. Schmerzmittel sind die häufigste Ursache für Drogenmissbrauch in der Gruppe der verschreibungspflichtigen Medikamente.“

Gemäß der Auswertung der US-Umfrage zum Drogenkonsum von 2015, veröffentlicht in den Annals of Internal Medicine (Han et al., 2017):

  • verwendeten rund 4,7 % der Erwachsenen (11,5 Millionen), die nicht in einer Einrichtung leben, verschreibungspflichtige Opioide missbräuchlich;
  • hatten 0,8 % (1,9 Millionen) eine Opioidabhängigkeit durch verschreibungspflichtige Opioide;
  • nannten 63,4 Prozent derjenigen mit Fehlgebrauch die Linderung körperlicher Schmerzen als wichtigsten Grund.

Schon 2008 waren verschreibungspflichtige Opioid-Schmerzmittel in den USA an 14.800 Todesfällen durch Überdosis beteiligt – mehr als Heroin und Kokain zusammen (CDC, 2011).

Die Tatsache, dass viele Menschen süchtig werden, nachdem sie die Medikamente legal von ihrem Arzt verschrieben bekommen haben, gibt Anlass zu großer Sorge. Viele Menschen, die opioidhaltige Medikamente missbräuchlich verwenden, seien sie nun illegal oder legal, berichten, dass sie regelmäßig mehrere Substanzen zu sich nehmen, vor allem Alkohol, Kokain und verschreibungspflichtige opioidhaltige Schmerzmittel.

Die Gesundheitsbehörden sind in großer Sorge, da der Einsatz von verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln oft als Einstieg zur Verwendung anderer Opioidpräparate mit hohem Suchtpotential dient, insbesondere von Heroin. Nach Angaben des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sind „Heroinmissbrauch und -Abhängigkeit in den USA in den letzten Jahren in allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen gestiegen.“

Auch das Bild der Betroffenen hat sich verändert: Wer in den 1960er-Jahren mit Heroin begann, war meist ein junger Mann aus der Großstadt, der direkt mit Heroin einstieg. Neuere Konsumenten sind älter, leben häufiger außerhalb großer Städte und kamen zu 75 Prozent über verschreibungspflichtige Opioide zum Heroin – oft, weil Heroin leichter zu bekommen und viel billiger war (Cicero et al., 2014).

Wie schnell sich die Lage verschärfte, zeigt der CDC-Bericht „Vital Signs“ vom März 2018: Von Juli 2016 bis September 2017 zählten die Notaufnahmen in 52 Regionen in 45 Bundesstaaten 142.557 Besuche wegen einer vermuteten Opioid-Überdosis. Die Rate stieg im Schnitt um 5,6 Prozent pro Quartal, in allen Bevölkerungsgruppen und allen Regionen der USA; am stärksten im Südwesten, im Mittleren Westen und im Westen (Vivolo-Kantor et al., 2018). In dem Bericht heißt es weiter, dass die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Überdosis vor allem bei denjenigen hoch ist, die bereits eine Überdosis Opioide eingenommen hatten. Wiederholte Überdosierungen können durch eine medikamentengestützte Behandlung während des Besuchs in der Notaufnahme sowie durch koordinierte Maßnahmen zwischen Ersthelfern, Strafverfolgungsbehörden, Gemeindemitgliedern sowie Seelsorger und Drogenberatungsstellen vermieden werden.

Opioide in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Eine Krise im Ausmaß der USA gibt es in Europa nicht, doch auch hier sind Opioide ein ernstes Problem. In der Europäischen Union starben im Jahr 2024 mindestens 7.600 Menschen an einer Überdosis, meist nach dem Konsum mehrerer Substanzen. Opioide – meist zusammen mit anderen Stoffen – sind weiterhin die häufigste Ursache drogenbedingter Todesfälle in Europa (EUDA, 2026).

In Deutschland starben 2025 laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Synthetische Opioide breiten sich aus: 118 Todesfälle standen im Zusammenhang mit Fentanyl, 34,1 Prozent mehr als 2021. Zudem tauchen Tabletten auf, die wie bekannte Medikamente aussehen, aber mit hochwirksamen synthetischen Opioiden wie Nitazenen versetzt sind (Bundesdrogenbeauftragter, 2026).

Opioide und Opiate: Worin besteht der Unterschied?

Opiate sind Medikamente, die aus Opium, den aktiven narkotisierenden Verbindungen des Schlafmohns, gewonnen werden. Laut der National Alliance of Advocates for Buprenorphine Treatment (NAABT) „wurden mit dem Begriff ‚Opioide‘ früher nur synthetische Opiate bezeichnet (Drogen, die natürliches Opium nachahmen sollten, sich hinsichtlich ihrer chemischen Zusammensetzung jedoch von echtem Opium unterscheiden). Heute wird der Begriff ‚Opioid‘ für sämtliche Opiate verwendet, einschließlich natürlicher, synthetischer und halbsynthetischer Drogen.“

In ähnlicher Weise meinen die meisten Menschen ein und dasselbe, wenn sie von „Opiaten“ bzw. „Opioiden“ sprechen. Dennoch wird manchmal noch immer zwischen „Opiaten“ für natürlich aus Opium gewonnene Drogen sowie „Opioiden“ für synthetische und halbsynthetische Drogen unterschieden. Beide wirken jedoch auf sehr ähnliche Weise im Gehirn.

Welche Medikamente gelten als Opioide?

Bei Opioiden handelt es sich entweder um natürliche oder synthetische Chemikalien, die sich an Rezeptoren im Gehirn oder Körper binden und Gedankenprozesse, Stimmungen sowie die motorische Kontrolle verändern. Der Name ergibt sich daher, weil sich die Stoffe an Opioidrezeptoren (Proteinmoleküle auf den Membranen einiger Nervenzellen) binden.  Diese Rezeptoren befinden sich im zentralen Nervensystem sowie im Magen-Darm-Trakt.

Welche legalen opioidhaltigen Schmerzmittel stehen derzeit zur Verfügung?

  • Die wichtigsten und bekanntesten sind verschreibungspflichtige Medikamente wie Oxycodon (z.B. bekannt unter dem Markennamen OxyContin®), Methadon, Hydrocodon (bekannt unter dem Markennamen Vicodin®), Buprenorphin sowie das äußerst starke Medikament Fentanyl.
  • OxyContin, das beliebteste und bekannteste oxycodonhaltige Medikament, kam erstmals 1996 auf den Markt und wird von der Firma Purdue Pharma hergestellt. Bei dem Wirkstoff Oxycodon handelt es sich um ein halbsynthetisches Opioid, das legal zur Schmerzlinderung verschrieben wird, insbesondere bei chronischen Schmerzen, die über Jahre behandelt werden müssen. So erhalten es beispielsweise oft Patienten, die an chronischem Knochenschwund, neurologischen Degenerationserkrankungen oder Krebs im Endstadium leiden. OxyContin verfügt über ein hohes Suchtpotential und ist in den USA als Betäubungsmittel der Klasse II (Schedule II = hohes Missbrauchspotenzial) eingestuft. Es sollte daher mit Bedacht und nur eingeschränkt verschrieben werden.
  • Das stärkste verschreibungspflichtige Schmerzmittel, das derzeit erhältlich ist, ist Fentanyl, ein synthetisches opioidhaltiges Schmerzmittel, das deutlich stärker wirkt als Morphium. Fentanyl ist u.a. unter den Markennamen Actiq®, Duragesic® und Sublimaze® bekannt. Straßendrogen wie Heroin und Kokain können mit Fentanyl versetzt sein, was die Gefahr einer Überdosis bzw. einer Einnahme mit Todesfolge wesentlich erhöht. Außerdem müssen wir in diesem Zusammenhang noch Carfentanil nennen. Dabei handelt es sich um ein starkes synthetisches Opioid, das legal als Beruhigungsmittel für Großtiere verwendet und unter dem Markennamen Wildnil® vermarktet wird. Es ist hundertmal stärker als Fentanyl – die chemische Zusammensetzung beider Stoffe ist sehr ähnlich – und 10.000 Mal stärker als Morphium.
  • Heroin ist die am häufigsten verwendete illegale Straßendroge der Welt, die Opioide enthält. OxyContin und Heroin sind einander sehr ähnlich. Beide beeinflussen chemische Signalwege im Gehirn, insbesondere von Dopamin, was zu den bekannten Hochgefühlen und vorübergehendem Wohlbefinden führt.

Schwache und starke Opioide: Wo liegt der Unterschied?

Die Einteilung in schwache und starke Opioide stammt aus dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Behandlung von Krebsschmerzen aus dem Jahr 1986. Zu den schwach wirksamen Opioiden der Stufe 2 zählen zum Beispiel Tramadol, Tilidin und Codein. Stark wirksame Opioide der Stufe 3 sind unter anderem Morphin, Oxycodon, Hydromorphon und Fentanyl.

„Schwach“ bedeutet allerdings nicht „harmlos“. Fachleute weisen darauf hin, dass alle Opioide – ob schwach oder stark – ein Risiko für Schäden durch Gebrauch und Fehlgebrauch bergen. Sie empfehlen deshalb, die Einteilung ganz aufzugeben, weil sie weder Verordnenden noch Patientinnen und Patienten hilft (Crush et al., 2022).

Viele Menschen erhalten Opioide wegen Rücken- oder Gelenkschmerzen. Natürliche Mittel ersetzen weder ein verordnetes Schmerzmittel noch eine ärztliche Schmerztherapie, können sie bei Gelenkbeschwerden aber begleiten: In einer Meta-Analyse von sieben Studien mit 545 Menschen mit Arthrose linderte Weihrauch Schmerzen und Steifigkeit und verbesserte die Gelenkfunktion (Yu et al., 2020).

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Wie entwickelt sich eine Opioid-Abhängigkeit? Welche Risikofaktoren bestehen?

Viele Menschen geraten in eine Opioidabhängigkeit aufgrund eines ausgestellten Rezepts. Dabei beabsichtigen die meisten nicht, das Medikament missbräuchlich einzusetzen. Da sie davon jedoch körperlich abhängig werden, fällt es ihnen schwer, die Einnahme des Präparats aufzuhören. Nach einer gewissen Zeit steigt das Verlangen des Körpers nach dem Mittel an. Die Betroffenen haben nun aber keinen legalen Zugang mehr zu höheren Dosen. Sobald jene Menschen süchtig geworden sind, wenden sich viele von ihnen anderen Straßendrogen zu – Fentanyl oder anderen Opioiden wie Heroin. Wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass die Anzahl der ausgegebenen Opioide aufgrund eingereichter Rezepte in den USA deutlich zugenommen hat. Von 1999 bis 2008 stiegen die Verkaufszahlen opioidhaltiger Schmerzmittel, die Todesfälle durch Überdosis und die Zahl der Suchtbehandlungen stark an. In Bundesstaaten mit niedrigeren Todesraten wurden auch weniger opioidhaltige Schmerzmittel verkauft (CDC, 2011).

Eine Drogenabhängigkeit, sei es von Opioiden oder anderen Substanzen, wird durch mehrere Faktoren beeinflusst, darunter die Erziehung, die Genetik und die Umwelt. Laut einer Übersichtsarbeit in der Zeitschrift „Nature Reviews Genetics“ sind Suchterkrankungen mäßig bis stark erblich (Goldman et al., 2005).

Einige Studien haben ergeben, dass insbesondere bei jungen Patienten mit Rückenschmerzen bzw. multiplen Schmerzen ein hohes Missbrauchsrisiko besteht. Forscher vermuten, dass eine Kombination aus vier verschiedenen Variablen mit der gegenwärtigen Opioid-Krise zusammenhängt:

  • Alter
  • Depression
  • psychotrope Medikamente
  • Schmerzbeeinträchtigung

Studienergebnisse zeigen, dass bei Patienten, bei denen diese Variablen zutreffen, ein höheres Risiko für eine Opioidabhängigkeit besteht als bei nicht vorbelasteten Probanden.

Die häufigsten Risikofaktoren einer Opioid-Abhängigkeit sind:

  • Einnahme verschreibungspflichtiger Opioide über einen längeren Zeitraum: Viele Patienten, die Opioide missbräuchlich verwenden, berichten über verstärkte Schmerzen und starke schmerzbedingte Einschränkungen.
  • Drogenmissbrauch in der Familie
  • Missbrauch anderer Drogen oder Alkohol
  • erstmaliger Drogenkonsum im jungen Alter: Wissenschaftler fanden heraus, dass ein Missbrauch von Drogen oder Alkohol als Jugendlicher bzw. junger Erwachsener – also bevor das Gehirn voll entwickelt ist – das Risiko für eine Sucht im späteren Verlauf des Lebens erhöht. Drogenkonsum verändert frühzeitig die Entwicklung des Gehirns und kann zur Verwendung anderer Substanzen verleiten.
  • Männer im Alter zwischen 18 und 55 Jahren:  Männer erhalten eher als Frauen verschreibungspflichtige Opioide kostenlos von der Familie oder Freunden und sind auch eher bereit, sie von einem Straßenhändler zu kaufen.
  • psychische Erkrankungen oder Gemütsstörungen wie Depressionen oder Ängste
  • eine kriminelle Vergangenheit bzw. das Absitzen einer Gefängnisstrafe
  • das Fälschen von Rezepten, Stehlen/ Schnorren von Drogen, häufiger Verlust von Rezepten sowie Widerstand gegen Änderungen der Medikation unabhängig von auftretenden Nebenwirkungen

Macht Morphium abhängig?

Ja, Morphium (Morphin) und andere Opioide können abhängig machen. Dabei unterscheiden Fachleute zwei Dinge: Bei regelmäßiger Einnahme gewöhnt sich der Körper an das Mittel. Es wirkt schwächer (Toleranz), und wird es plötzlich abgesetzt, kommt es zu Entzugserscheinungen. Diese körperliche Abhängigkeit gehört zu den häufigen Begleiterscheinungen einer Opioidbehandlung (Benyamin et al., 2008). Eine Sucht liegt erst vor, wenn die Kontrolle über die Einnahme verloren geht, das Mittel zwanghaft und trotz Schäden weiter genommen wird.

Wie oft das passiert, zeigt eine Auswertung von 38 Studien mit Menschen, die wegen chronischer Schmerzen Opioide erhielten: Im Schnitt kam es bei 21 bis 29 Prozent zu einem Fehlgebrauch und bei 8 bis 12 Prozent zu einer Sucht (Vowles et al., 2015).

Auch die Dauer der ersten Behandlung spielt eine Rolle. Eine US-Auswertung der ersten Opioid-Verordnung bei Erwachsenen ohne Krebserkrankung zeigte: Die Wahrscheinlichkeit, langfristig Opioide einzunehmen, stieg besonders stark nach dem fünften und nach dem 31. Behandlungstag sowie mit dem zweiten Rezept (Shah et al., 2017). Wer Morphin oder ein anderes Opioid verordnet bekommt, sollte es genau nach Anweisung einnehmen und die Dosis nie eigenmächtig ändern oder das Mittel absetzen, sondern jede Änderung mit der behandelnden Praxis besprechen.

Nebenwirkungen: Was Opioide mit Körper und Psyche machen

Zu den häufigen Nebenwirkungen von Opioiden zählen Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Gewöhnung und eine gefährliche Abflachung der Atmung (Atemdepression). Am häufigsten sind Verstopfung und Übelkeit – an die Verstopfung gewöhnt sich der Körper oft nicht. Seltener kommt es zu einer verzögerten Magenentleerung, einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit, Störungen von Immunsystem und Hormonhaushalt, Muskelsteifheit oder Muskelzuckungen (Benyamin et al., 2008).

Auch die Psyche kann leiden. In einer Studie mit 7.051 Menschen, die länger als 90 Tage Opioide erhielten und vorher keine Depression hatten, stieg das Risiko für eine neue Depression, wenn die Dosis rasch erhöht wurde: um 58 Prozent im Vergleich zu einer gleichbleibenden Dosis (Salas et al., 2017).

Anzeichen einer Opioid-Abhängigkeit

Eine Sucht bzw. Abhängigkeit wird definiert als „eine primäre, chronische, neurobiologische Erkrankung mit genetischen, psychosozialen und ökologischen Faktoren, die ihre Entwicklung und Manifestation beeinflussen. Sie ist gekennzeichnet durch eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen: beeinträchtigte Kontrolle über den Drogenkonsum, zwanghafter Konsum, fortgesetzter Konsum trotz erkennbaren Schadens sowie heftiges Verlangen nach mehr.“ 

Drogenabhängigkeit entsteht nicht über Nacht. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Prozess, der sich in verschiedene Phasen unterteilt:

  1. Erstgebrauch
  2. missbräuchliche Verwendung
  3. erhöhte Toleranz
  4. Abhängigkeit
  5. Sucht

Rückfälle sind ebenfalls typisch für das Krankheitsbild.

Jeder, der Drogen konsumiert und an einer Abhängigkeit leidet, kann seine ganz eigene Geschichte erzählen. Die Nebenwirkungen, die mit dem Drogenkonsum einhergehen, aber auch das eigene Suchtrisiko sowie die mit einem Entzug verbundenen Symptome variieren von einer Person zur anderen. Dennoch werden einige Symptome häufiger im Zusammenhang mit der Opioid-Sucht beobachtet. Dazu gehören:

  • schwere Verstopfung
  • Stimmungsschwankungen und -veränderungen, einschließlich Ängste, Paranoia und Depressionen, manchmal mit schwerem Verlauf
  • Lethargie, Schläfrigkeit und Übermüdung
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Appetitlosigkeit, verminderte Nahrungszufuhr und Gewichtsverlust
  • Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit
  • Muskelkrämpfe und Schmerzen
  • Fruchtbarkeitsstörungen und unregelmäßige Menstruation bei Frauen
  • verminderte Libido und Testosteronmangel bei Männern
  • Erschöpfung des Immunsystems und häufige Erkrankungen
  • Darmschäden
  • Leberschäden
  • obsessive Gedanken, die sich um die Beschaffung weiterer Drogen kreisen: Dies führt zu der Unfähigkeit, sich auf andere Dinge oder Arbeiten zu konzentrieren.

Physische Hinweise für einen Heroinkonsum sind: das Vorhandensein von Pfeifen, Aluminiumfolie, Beuteln und Spritzen. Weitere Anzeichen sind fortwährende Lügen und Geheimniskrämerei, fehlende Wertsachen im Haus und Konflikte mit dem Gesetz.

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Wie kann eine Opioid-Abhängigkeit überwunden werden?

Sich aus einer Opioidabhängigkeit zu befreien gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten Erfahrungen, die ein Mensch durchmachen kann. Mit der richtigen Behandlung schaffen es viele Betroffene jedoch, sich erfolgreich aus ihrer Sucht zu befreien. Dabei berichten viele Suchtkranke, dass sie erst einen absoluten Tiefpunkt erreichen mussten, um zu erkennen, dass sie so nicht weitermachen können und grundlegende Veränderungen notwendig sind.

Die CDC rät Behörden in den USA die folgenden Maßnahmen im Kampf gegen die Opioid-Krise bzw. in der Behandlung Betroffener zu unternehmen:

Empfohlene generelle Maßnahmen:

  • Zunächst muss beim größten Risikofaktor angesetzt werden: der hohen Anzahl an ausgestellten Rezepten über opioidhaltigen Schmerzmitteln. Ärzte sollten diese Medikamente sehr sorgfältig, sehr restriktiv und mit entsprechenden Vorsorgemaßnahmen verschreiben.
  • Verbesserung des Zugangs zu Behandlungs- und Präventionseinrichtungen: Dazu gehören medikamentengestützte Behandlungsmaßnahmen (MAT), die oft Menschen mit Opioidabhängigkeit empfohlen werden.
  • Professionelle Schulung von Therapeuten und Gesundheitsdienstleistern im Umgang mit Sucht und Entzug
  • Den Zugang zu Naloxon erweitern sowie Ausdehnung der Schulungsmaßnahmen, wie das Medikament verabreicht wird: Das Mittel kann den Tod aufgrund einer Überdosis verhindern. Diese Maßnahmen sind vor allem in Regionen nötig, in denen Drogenabhängigkeit ein weit verbreitetes Problem ist.

Wie kann sich ein Abhängiger selbst helfen?

  • Um „clean“ zu werden, ist es zunächst wichtig, die Verbindungen zu Menschen zu kappen, die die Sucht unterstützen und mit entsprechenden Drogen versorgen.
  • Professionelle Hilfe suchen: einen Therapeuten, einen Arzt oder eine Entzugsklinik, um den Drogenkonsum zu beenden und mit den Entzugserscheinungen fertigzuwerden. Verordnete Opioide nie allein absetzen oder reduzieren – das sollte immer ärztlich begleitet geschehen.
  • An einem Ausstiegsprogramm teilnehmen. Viele Experten sehen darin den Schlüssel zum Erfolg.  Diese Programme beginnen normalerweise mit einer Entgiftung und sehen danach eine therapeutische Behandlung unterstützt von einer Selbsthilfegruppe vor. Einige Programme legen dabei Wert auf „Die 12 Schritte zurück ins Leben“.
  • Die mentale und emotionale Gesundheit stärken, indem man sich Ziele setzt, einen Plan für die Zukunft aufstellt und sich für einen Beruf ausbilden lässt, der einen interessiert.
  • Alternative Wege zur Bewältigung von Stress und körperlichen Schmerzen finden.
  • Bei starken körperlichen Schmerzen mit dem Arzt besprechen, welche Medikamente noch zur Verfügung stehen. Natürliche Mittel zur Schmerzlinderung können die ärztliche Behandlung begleiten, ersetzen sie aber nicht.
  • Symptome wie Unbehagen und Depressionen lassen sich folgendermaßen lindern: Umstellung der Ernährungsgewohnheit, Sport, mehr Schlaf, Bewältigung emotionalen Stresses, alternative Heilmethoden wie Akupunktur, Massagen, osteopathisch manipulative Therapie sowie die Verwendung von Ergänzungspräparaten oder ätherischen Ölen.

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Wie können Familie und Freunde einem Abhängigen helfen?

Mittlerweile haben einige Bundesstaaten in den USA Gesetze verabschiedet, die einen unfreiwilligen Entzug möglich machen. Das bedeutet, dass Familienangehörige mit der Unterstützung eines Arztes vor Gericht einen Antrag einreichen können, einen Suchtkranken gegen seinen Willen behandeln zu dürfen. Das ist allerdings nicht immer der beste Weg. Besorgte Freunde/ Angehörige sollten sich daher stets professionelle Hilfe suchen.

Manchmal helfen bestimmte Maßnahmen den Suchtkranken zur Einsicht zu bringen, wie sehr die Drogen das Leben aller beeinträchtigt. Dabei versuchen professionelle Mentoren zusammen mit der Familie und dem Drogenabhängigen zu arbeiten. Die Gruppe konfrontiert den Suchtkranken mit der Situation und bietet Hilfe, Unterstützung sowie konkrete Behandlungsmaßnahmen an.

Hilfe finden: Beratung, Behandlung und Notfall

Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis und die örtlichen Suchtberatungsstellen. In Deutschland ist die Sucht & Drogen Hotline unter 01806 313031 täglich von 8 bis 24 Uhr erreichbar (0,20 € pro Anruf) (BIÖG). In der Schweiz bietet SafeZone.ch kostenlose und anonyme Online-Beratung zu Suchtfragen, auch für Angehörige (BAG). In Österreich helfen die Suchtberatungsstellen der Bundesländer weiter.

Eine bewährte Behandlung ist die Substitutionstherapie: Dabei ersetzen Ärztinnen und Ärzte die Droge durch ein Ersatzmittel wie Methadon oder Buprenorphin. In einer Cochrane-Auswertung von elf Studien mit 1.969 Teilnehmenden blieben Menschen mit Methadon häufiger in Behandlung und konsumierten weniger Heroin als ohne Ersatzmittel (Mattick et al., 2009).

Wer verordnete Opioide nimmt, sollte sie nie eigenmächtig absetzen oder reduzieren. In einer Auswertung von 1.394.102 US-Veteranen mit einem Opioid-Rezept war das Beenden der Opioidbehandlung mit einem höheren Risiko verbunden, an einer Überdosis oder durch Suizid zu sterben – umso stärker, je länger die Behandlung gedauert hatte (Oliva et al., 2020). Ein Ausstieg gehört deshalb in ärztliche Begleitung.

Notfall Überdosis: Typische Zeichen sind stecknadelkopfgroße Pupillen, Bewusstlosigkeit und Atemprobleme. Dann sofort den Notruf 112 wählen (in der Schweiz 144) und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes bei der Person bleiben. Das Gegenmittel Naloxon kann die Wirkung einer Opioid-Überdosis aufheben, wenn es rechtzeitig gegeben wird (WHO).

Vorsichtsmaßnahmen bei einem Opioid-Entzug

Viele Suchtkranke leiden unter Entzugserscheinungen, die sehr unangenehm sein können und manchmal über Wochen andauern. Entzugserscheinungen können sein:

  • Unterleibsschmerzen, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen
  • Schlaflosigkeit
  • Übermäßiges Schwitzen
  • Muskelschmerzen
  • Ängste und Unruhe

Diese Symptome am besten zusammen mit einem Arzt bewältigen, der sich auf die Behandlung von Entzugserscheinungen spezialisiert hat, oder an einer offiziellen Entgiftungsmaßnahme teilnehmen, die Unterstützung und Sicherheit bietet.

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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber dient nur zur Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Die Inhalte der Herbano Gesundheitsredaktion werden sorgfältig recherchiert und basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Studien.

Inhalt mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und von der Herbano Redaktion bearbeitet.

Häufige Fragen

Ja. Wer Morphin regelmäßig einnimmt, entwickelt häufig eine körperliche Abhängigkeit: Der Körper gewöhnt sich an das Mittel, und beim plötzlichen Absetzen treten Entzugserscheinungen auf. Zu einer Sucht mit Kontrollverlust kam es in Studien mit Schmerzpatienten im Schnitt bei 8 bis 12 Prozent. Die Dosis deshalb nur in Absprache mit der behandelnden Praxis ändern.

Eine feste Frist gibt es nicht. In einer großen US-Auswertung stieg die Wahrscheinlichkeit, dauerhaft Opioide einzunehmen, nach dem fünften Tag der ersten Behandlung deutlich an und nach dem 31. Tag noch einmal stark. Opioide sollten deshalb so kurz wie möglich und genau nach ärztlicher Anweisung eingenommen werden.

Opioide beeinflussen chemische Signalwege im Gehirn, vor allem Dopamin, und können so Hochgefühle auslösen. Bei längerer Einnahme sind Stimmungsschwankungen, Ängste und Depressionen möglich; eine rasche Dosissteigerung erhöhte in einer Studie das Risiko für eine neue Depression um 58 Prozent. Gedanken, die ständig um die Beschaffung kreisen, sind ein Warnzeichen für eine Sucht.

Stecknadelkopfgroße Pupillen, Bewusstlosigkeit und Atemprobleme sind Alarmzeichen. Dann sofort den Notruf 112 wählen (in der Schweiz 144) und bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes bei der Person bleiben. Das Gegenmittel Naloxon kann eine Opioid-Überdosis aufheben, wenn es rechtzeitig gegeben wird.

Erste Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis und die örtlichen Suchtberatungsstellen. Die Sucht & Drogen Hotline ist unter 01806 313031 täglich von 8 bis 24 Uhr erreichbar. Im Notfall gilt immer der Notruf 112.

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